„Alter bedeutet nicht nur Defizit, sondern auch Vollendung des Lebens, mitunter auch neue Freiheiten, Zufriedenheit und Lebensfreude, natürlich auch Trauer und Abschied nehmen", meint Doris Eisenriegler auf einer Tagung der Grünen 50+, die sich mit dem Prozess des Alterns beschäftigte. Eisenriegler lehnt es auch strikt ab, Menschen unbedingt ins Altersheim zu stecken, nur weil es dazu keine Alternativen gibt. Als eines ihrer Grundprinzipien nennt sie das Empowerment, die Selbstbestimmung auch bei Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit: „Der Schwerpunkt in der Altenbetreuung muss sich von der bisherigen Heimbetreuung hin zur häuslichen Pflege und Betreuung verlagern. Das würde nicht nur die pflegenden Angehörigen, sondern auch die Gemeinden entlasten, die bereits jetzt an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Für die Grüne SeniorInnensprecherin sind die Heime der Zukunft eine Weiterentwicklung des derzeitigen „Betreubaren Wohnens". Hier können die Menschen in ihrem angestammten Lebensbereich bleiben und erhalten bis zu ihrem Lebensende die entsprechenden professionellen Hilfen, ohne in ein Heim übersiedeln zu müssen.
Der Altersforscher Leopold Rosenmayr erläutert die neuesten Forschungsergebnisse, die von einer hohen Gestaltungsmöglichkeit des eigenen Lebenslaufes bis ins hohe Alter sprechen. „Der trainierte Köprer eines 70jährigen ist in vieler Hinsicht leistungsfähiger als der vernachlässigte eines 50jährigen. Wer sich 40 Jahre lang den Kopf zerbrochen hat, ist geistig jünger als jemand, der zwei Jahrzehnte nach ihm geboren wurde, aber sein Gehirn nur hin und wieder beanspruchte." Rosenmayr geht davon aus, dass der Mensch selbst, mit seiner Vernunft, seinen Willenshandlungen und die organisierte technologische, soziale und kulturelle Dynamik den Altersverlauf entscheidend mitsteuert. „Die Zukunft wird mehr innere, aber auch körperliche Vorbereitung auf das Alter durch gesunde Ernähung, ausreichende Bewegung und eine vielfältige neue Achtsamkeit auf sich verlangen. Dem Sicher-Verschleudern in den Konsum hinein wird man gezielte Verweigerungen entgegenstellen müssen, um gesund, denk- und handlungsfähig zu bleiben." Rosenmayr plädiert auch für einen neuen Gesellschaftsentwurf, an dem die neuen Alten durch neue Formen politischer Beteiligung mitwirken können. Er verlangt auch die Mobilisierung der vorhandenen Kräfte in der alternden Gesellschaft und den Aufbau einer nicht nur ökonomischen Selbstsorge. „Das bedeutet auch eine von Jugend an gepflegte Einübung in ein langes Leben, um überhaupt spät im Leben sich so zu erhalten, um Neues beginnen zu können und Unvermeidliches zu ertragen."
Jenseitshoffnungen werden zunehmend schwerer fallen. Rosenmayr wünscht sich daher ein stärkeres Nachdenken über soziale und kulturelle Verpflichtungen angesichts der Endlichkeit. „Mir fehlt eine geistig-religiöse Durchdringung des Alternsprozesses. So mangelt es auch an der Einwilligung in die Endlichkeit oder eben einer Suche nach dem ‚Übergreifenden’, nach Vorstellungen, die das eigene Leben mit einem ‚Jenseits’ des Todes verbinden. Für den, der nicht glauben kann, sollte die Hoffnung bis zuletzt offen bleiben. Für jeden Menschen, der sich darum bemüht, gibt es einen Glanz jenseits der Endlichkeit".
„Die Älteren und Alten haben keinen Platz in unserer Kultur, obwohl sie in den familiären Netzwerken finanziell und sozial nachweislich mehr für die Jungen leisten als diese für sie. Aber was sie Kindern und Enkeln zahlen und helfen, das rechnet sich nicht für den gesellschaftlichen Status." Leopold Rosenmayr