Von der Muße weniger zu arbeiten

Stress und Überarbeitung gehört für viele zum normalen Alltag wie der Fernseher. Doch läßt sich die eigene Lebensqualität durch eine noch höhere Arbeitswut steigern? Ein Plädoyer für mehr Frei-Zeit.

Charakteristisch für unsere Zeit ist folgende Geschichte:
Es war einmal ein Fischer, der nach getaner Arbeit am Strand sitzt, die Füße baumeln lässt und die Ruhe genießt. Zu ihm kommt dann ein Manager; vielleicht war es auch ein Unternehmensberater. Der fragt dann den Fischer, warum er denn heute nicht noch ein zweites Mal ausfahre. Das Wetter sei günstig und es sei mit einem prächtigen Fang zu rechnen. Der Fischer meint, er habe bereits genug und es sei nicht notwenig, ein zweites Mal auszufahren.

Aber dann kommt dieser neumoderne Unternehmensberater ins Schwärmen: Also wenn er jetzt noch ein zweites oder ein drittes Mal ausfahren würde, dann würde er viel Geld verdienen, er könnte investieren, neue Schiffe und Netze kaufen und in die Verarbeitung des Fischfangs gehen. Und dann, wenn er das alles geschafft hätte: Dann könnte er alles genießen, in Ruhe am Strand sitzen und die Füße baumeln lassen. Worauf der Fischer meint, dass er das doch jetzt auch täte. – Warum also der ganze Stress? Warum die ganze Arbeit?

Ungeheurer Warenreichtum
Nun, die Geschichte ist alt, aber sie ist gleichzeitig sehr modern. Sie kann als Metapher für unsere Zeit verstanden werden. Wir leben heute in der westlichen Welt in ungeheurem, nie da gewesenen Reichtum. So viele Güter, wie tagtäglich produziert werden, wurden noch nie in der Weltgeschichte produziert. Und tagtäglich werden es mehr. Diese Güter sind äußerst ungleich verteilt, was Tausenden Menschen tagtäglich das Leben kostet. Aber Faktum ist: Die Welt als gesamtes lebt in einem Warenreichtum, den es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat.

Wenn man jetzt den neumodernen Unternehmensberater aus der oben erzählten Geschichte hernehmen würde, so könnte man spätestens jetzt, im 21. Jahrhundert sagen: Wir haben genug. Wir setzen uns – bildlich gesprochen – an den Strand und in die Sonne und lassen die Füße baumeln. Zumindest ein paar Stunden am Tag. Genau das passiert aber nicht. Im Gegenteil: Wir müssen uns das Gerede von Arbeitszeitverlängerung, von Effizienzsteigerungen und von Sparpaketen anhören.

Krise der Arbeitsgesellschaft
Nun kann man diese Arbeitswut sinnvoll oder weniger sinnvoll finden. Man kann sich an dem Spiel des Immer-Mehr-Arbeiten beteiligen oder man kann versuchen, behutsam daraus auszusteigen. Es zeigt sich nun aber, dass dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von mindestens zwei Seiten her in die Krise gekommen ist und sich diese Krise immer weiter verschärft.

Da ist zum einen die Tatsache, dass das kapitalistische Modell beim Einsparen von Arbeitszeit sehr erfolgreich ist. Gerade die dritte industrielle Revolution, also die Einführung der Mikroelektronik, hat es in bisher ungeahnten Maßstab geschafft, Arbeit einzusparen. Und es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren noch viele weitere Branchen mit voller Wucht von der mikroelektronischen Wucht erfasst werden: Alleine im Banken- und Versicherungswesen rechnet man damit, dass Tausende von Arbeitsplätzen verloren gehen.

Das wäre ja eigentlich äußerst erfreulich: Wir müssen weniger arbeiten, der Reichtum wächst aber trotzdem. - Was schön klingt, hat einen Pferdefuß: Für die meisten Menschen ist das Arbeitseinkommen das einzige Einkommen. Haben sie keine Arbeit, so haben sie kein (oder deutlich weniger) Einkommen. Darum fürchten sie (und die Gewerkschaft und die Politik) die Arbeitsverringerung wie der Teufel das Weihwasser.

Peak oil
Und noch von einer zweiten Seite kommt das heutige Wirtschaftssystem in die Krise: Die Energiereserven der Erde neigen sich dem Ende zu. Das Angebot von Erdöl und Erdgas wird tendenziell weniger werden. Die weltweite Nachfrage wird immer größer. Das bedeutet in einer Marktwirtschaft, dass die Preise steigen. Nun kann niemand seriöserweise vorhersagen, ob die steigende Energiepreise des Jahres 2005 schon der Beginn dieser Entwicklung sind oder ob die wirkliche Verknappung erst in zehn oder zwanzig Jahren einsetzen wird. Aber Faktum ist: Diese Verknappung wird kommen. Und das Funktionieren dieser Weltwirtschaft ist in hohem Ausmaß von der fossilen Energiezufuhr abhängig. Eine Krise der Energievorräte wird eine Krise der Weltwirtschaft hervorrufen.

Wenn wir uns nochmals das Bild vom Fischer und vom Unternehmensberater vor Augen führen: Angenommen, wir müssten zuordnen, wer in dieser Geschichte der Grüne und wer der Nicht-Grüne ist. Nun, die meisten würden wohl sagen, der Fischer ist der Grüne (das hat nun nichts mit dem deutschen Noch-Außenminister zu tun) und der Unternehmensberater ist der Nicht-Grüne, der ist der Neoliberale, der Konservative.

Freizeitgewinn als Verwirklichung Grüner Programmatik
Der Fischer genießt mehr Lebensqualität, nicht zuletzt deshalb, weil er wenig arbeitet und der Muße frönen kann. Er lebt nachhaltig, weil er nicht die Meere leer fischt und mit dem zufrieden ist, was er zum Leben braucht. Er lebt ökologisch, weil er wohl kaum die Umwelt verschmutzt. Also: Er verwirklicht Grüne Programmatik.

Das mag in manchen Ohren etwas romantisch und weltfremd klingen. Es trifft aber zwei Punkte:
Lebensqualität hat ganz zentral mit dem Ausstieg aus der Arbeitswut zu tun. Damit das möglich wird, muss Arbeit von Einkommen entkoppelt werden. Das ist der politische Auftrag. Das bedeutet letztendlich, dass arbeitsloses Einkommen gerechter verteilt werden muss: vom heutigen Kapitaleinkommen für wenige zum morgigen Grundeinkommen für alle.
Dem Ressourcenverbrauch ist mit Energieeffizienz, aber auch mit einer „Ökonomie des Weniger“ (Ulrich Beck) zu begegnen. Dazu braucht es eine behutsame Systemumstellung, in der die Menschen den immateriellen Werten wie Zeit und Muße eine höhere Bewertung geben. Man würde sich wirklich reicher fühlen, wenn man über mehr freie Zeit verfügt; auch wenn dann unter Umständen am Konto aber eine kleinere Zahl erscheint.

Dieser Systemumstieg ist äußerst schwierig, weil er zentrale gesellschaftliche Glaubensdogmen wie Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und die Definition von Glück in Frage stellt. Im Sinne einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft wird dieser Systemumstieg wohl notwendig sein.

Markus Pühringer

Aus oö.planet Nr. 40/05



 Dazu noch eine Nebenbemerkung: Der Reichtum steigt. Das Einkommen aus Arbeit sinkt. Das bedeutet zwangsläufig, dass arbeitsloses Einkommen steigt. Dieses arbeitslose Einkommen ist das so genannte Kapitaleinkommen. Dieses steigt und steigt dabei überproportional. Als Argument gegen ein anderen arbeitsloses Einkommen, das Grundeinkommen, wird oft vorgebracht: „Wer nichts arbeitet, soll nichts essen!“ – Diese Radikalität würde man gerne in Richtung Kapitaleinkommen hören. Denn dort ist es längst gang und gäbe: Wer genug besitzt und seine Reichtümer gut anlegt, muss nichts arbeiten und bekommt trotzdem (übermäßig) viel zu essen.