Philosophie für das gute Leben

Von der Kunst „mit Grund“ in der Politik zu arbeiten.

Braucht Grüne Politik einen philosophisch bzw. ideologischen Unterbau? Von welchen „philosophischen Grundausrichtungen“ siehst du dich geprägt? Was sind deine Gradmesser für „gute“ Politik? Welche Formen der Debatten wünschst du dir verstärkt – über welche Themen?
Mit diesen Fragen wurden vier GrünpolitikerInnen aus Oberösterreich konfrontiert. Einmal abseits vom Politalltag über „Grundsätzliches“ nachzudenken fanden alle spannend. Die Antworten zeugen von der Vielfalt Grüner Herkünfte – und doch eint Wesentliches alle.

Die 4 „PhilosophInnen“ in alphabethischer Reihenfolge:

Harald Huber:
40 Jahre, Grüner Gemeinderat in Seewalchen und Personalvertreter
im Amt der Landesregierung, Vater von Valentin 11 und Elias 9, studierte
"phyisikalisch chemische Umweltanalytik" (ein selbst zusammengestelltes
Studium Irregulare), arbeitet seit 2000 in der Oö. Umweltanwaltschaft,

Manuela Jungwirth:
39 Jahre, abgeschlossenes Studium der Erziehungswissenschaften/Psychologie, Grüne Gemeinderätin in Katsdorf, Bezirkssprecherin von Perg, ein Sohn, Tim 9 Jahre, derzeit: eine überbetriebliche Ausbildungsmaßnahme für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die am BFI Perg durchgeführt wird.

Christian Krall:
50 Jahre, Linz, abgeschlossenes Philosphiestudium, Dipl. Sozialarbeiter, Werbetexter, literarisch tätig, 2,5 Jahre AMS-Erfahrung; jetzt: Organisationssekretär der AUGE (Alternative & Grüne GewerkschafterInnen)

Ulrike Schwarz:
47 Jahre, Grüne Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin in Berg, Mutter von Roland 23 J. und Claudia 17 J., Berufserfahrung in unterschiedlichsten Bereichen von Buchhaltung, über Arztassistenz bis hin zu Jugendarbeit und Projektleiterin im Integrationsbereich.


Persönliche Prägungen: Fragen
„Warum stellst du diese Frage überhaupt?“ – damit umreißt Christian Krall am prägnantesten seine persönliche philosophische Herangehensweise an die Politik, das Leben überhaupt. Der so genannte spätere Wittgenstein hat diese fast therapeutische Herangehensweise in der Philosophie entwickelt. In seiner Dissertation hat sich Krall damit beschäftigt, dass anhand der Fragen die Methoden immer wieder neu überlegt werden müssen – die Methode lässt sich von der Frage prägen! Beim Hinterfragen und Hinschauen- trifft er sich mit Ulrike Schwarz, die in der Schulzeit von dieser Kultur geprägt wurde. Wichtig ist für sie dabei die Beziehung zu Natur und Umwelt, sowie die Entwicklung von mehr Chancengleichheit aller Menschen. 
„Mir ist es wichtig, danach zu fragen und dies auch einzufordern, ob und dass es gesellschaftliche Bedingungen zulassen, einer eigenständigen und sinnbehafteten Lebensgestaltung unter humanen und gerechten Bestimmungen nachgehen zu können,“ erzählt Manuela Jungwirth. Ihre Grundausrichtung bezeichnet sie selbst als kritisch-emanzipatorisch (Stichwort Frankfurter Schule). Bei Harald Huber hört man das Herz des Ökologen laut schlagen. Ihm geht es um die Achtung vor der Schöpfung, bei der für ihn eine schamanische Lebensphilosophie zugrunde liegt, ausgehend von der Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit wirklich? Alles steht mit allem in Verbindung und ist ein ständiger Versuch, Gegensätze auszugleichen. Mit unseren Gedanken gestalten wir Umwelt, so sein Ansatz. Je stärker und öfter ein Gedanke /eine Idee gedacht wird, desto eher manifestiert sich diese/r.

Politisches Fundament: Pladoyer für die Nachdenklichkeit
Die Festlegung und Umsetzung der Grundwerte der Grünen sei wesentlich und notwendig. Diesen Unterbau braucht es – so Manuela Jungwirth – zur BeSINNung, für Zielformulierungen und –überprüfungen, aber auch für die ideologiekritische Reflexion.
Die Wichtigkeit philosophisch-ideologischer Grundlagen für die eigene Politik bestätigen alle Befragten. Sehr existenziell-grundsätzlich stellt Harald Huber hier die Sinnfrage: Warum gibt es eine Erde und warum sind wir Menschen darauf – Was haben wir zu lernen? Ulli Schwarz präzisiert, dass es darum ginge, genau zu schauen, welche Auswirkungen ein bestimmtes Handeln auf die Umwelt und auch das soziale Gefüge hat. Sie schlägt vor, das als „Ideologie der Nachdenklichkeit“ zu bezeichnen. Ganz ähnlich formuliert es Christian Krall. Für ihn beruht ökologisches Denken auf der Einsicht, dass getroffene Maßnahmen Auswirkungen haben, die ich vorher nicht bedacht habe weil ich nie die volle Wahrheit kenne. Grün im Sinn von ökologisch heißt für ihn, dass ich damit rechnen muss, dass sich mein Standpunkt als falsch heraus stellt. Der ökologische Standpunkt ist so der Gegenpol zum Absolutismus. In diesem Sinne war bei den grünen Anfängen (68er & Ökobewegung…) auch viel Dogmatismus dabei.


Gute Politik ist…
„Wenn für mich sichtbar wird, dass das Handeln, die Aktion, die politische Botschaft das ganze System im Auge hat und vor allem die Betroffenen aktiv eingebunden sind“, daran misst die Grüne Landtagsabgeordnete Ulli Schwarz „gute“ Politik. Um das Fördern von Prozessen die sich gegen Ungerechtigkeiten wenden und emanzipatorisch wirken geht es Manuela Jungwirth. Zum Wort "gut" fühlt sich Harald Huber zur Reflexion angeregt und meint, dass es ihm darum geht, sich  in der eigenen Lebensumgebung wohl fühlen zu
können, aber auch die notwendige Entwicklungsumgebung vorzufinden bzw. so
gestalten zu können, dass sie den eigenen Bedürfnissen gerecht wird, ohne
dass dadurch seine Umwelt nachhaltig beeinträchtig bzw. benachteiligt wird.
Die Frage nach den Auswirkungen politischer Entscheidungen stellt Christian Krall – vor allem in Hinblick auf Armut und Reichtum. Wichtig ist ihm aber auch die Form der politischen Kommunikation: Es geht darum, die eigene Wahrheit zu leben ohne zu sagen, es sei die einzige. Es muss möglich sein, das Ringen um Positionen/Meinungen zu trennen von einem Machtkampf.

Welche Formen von Debatten – über welche Themen fehlen?

Harald Huber:
Diskussion um sozialere Wirtschaftssysteme in denen der Mensch wieder im Vordergrund steht.
Volkswirtschaftliche statt reine betriebswirtschaftliche Betrachtungen, d.h. vermehrt auf Kostenwahrheit drängen z.B. im Verkehr, in der Bildung, bei der Diskussion Ökoenergie versus Naturschutz.

Manuela Jungwirth:
Debatten und Analysen zur menschenverachtenden und arroganten Politik sowie zur Unkultur des „Schweigens“
Bildung – Qualität: freier Unizugang (ohne Finanz und andere Barrieren); Analphabetismuns versus Eliteschulen; Chancen(ungleich)heiten;…
Debatten zu Grundsicherung (Geld oder Leben?; Kritik der ökonomischen Verwertbarkeit)

Christian Krall:
Nachdenklichkeitsbeiträge und Fragen
Grundeinkommen
Führungs- und Unternehmenskultur (so viel Frustration, drop-out, burn-out,…)

Ulrike Schwarz:
Generell immer auch über den Tellerrand zu schauen und Debatten mit Frauen und Männern auch außerhalb der Partei weiter forcieren
Absicherung der Daseinsvorsorge und Sozialleistungen
Wie kann Selbstbestimmung und Selbstverantwortung im alltäglichen Leben besser ermöglicht werden




„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
Theodor W. Adorno, Minima Moralia (zitiert von Manuela Jungwirth)