Sexualität im Alter ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Die Grünen haben sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln genähert, beleuchteten die positiven Seiten, brachten aber auch Probleme, Vorurteile zur Sprache
Unter dem Motto, „Für’s Lieben ist es nie zu spät“, befaßte sich die Psychotherapeutin und Psychoanalythikerin Rotraud Perner in ihrem Eingangsreferat mit der „Normalität“ der Sexualität – ihre Bedeutungen und Festlegungen im Wandel der Zeiten, der Kulturen und der Gesellschaft.
Den Bogen spannte sie dabei von der Sexualität als Mittel der Bevölkerungspolitik - über Begründungen und Diskriminierungen des nicht auf den Zeugungsakt fokussierten Geschlechtsakts - bis hin zur übersteigerten Mutterrolle bzw. dem Auseinanderfallen in männliche und weibliche Sexualität, vor allem auch im Alter.
Allerdings entzieht sie die Sexualität im Alter auch weitgehend bis heute wirkenden Normen und Beschränkungen – definiert sie als eine „andere, entspanntere“ Sexualität, als die einer „überspannten bzw. selbstunsicheren“ Jugend. Und so, wie natürlich Agilität und Gesundheit Voraussetzungen für gelebte Sexualität bis ins fortgeschrittene Alter sind, macht sie auch den Umkehrschluß, „Liebe macht gesund“, geltend.
Homosexualität im Alter
Auf Rotraud Perner folgte Mag. Johannes Wahala. Der als Sexualforscher, Theologe und Psychotherapeut tätiger Leiter der Beratungsstelle COURAGE, nahm sich des Themas Homosexualität und Alter an. Mehr noch, versuchte er doch, Sexualität aus dem größeren Zusammenhang des Lebens zu definieren und darzustellen:
Sexualität als Naturkraft, vom „Wunsch in den Armen gehalten zu werden ... bis hin zur körperlichen Verschmelzung“.
Mit Thomas Mann, „Man denkt wohl, mit 75 Jahren kann’s so schlimm nicht mehr sein mit der Hörigkeit der knechtischen Lust. Aber da irrt man sich. Das hält bis zum letzten Seufzer.“, und Karl Valentins, „Mögen hätten wir schon wollen – aber trauen haben wir uns nicht dürfen“, suchte er Sexualität als jene Energie festzumachen, die es nicht erlaubt, Sexualität und Fortpflanzung ohne weiteres gleichzusetzen. „Die sexuelle Orientierung eines Menschen entsteht aus einem komplexen Zusammenwirken biologischer, psychischer und sozialer Faktoren.“
Über Ausführungen zum „Coming-out“ und der Geschichte der Homosexualität gelangt Wahala dann zum Kernthema, der Homosexualität im Alter(n). Ist schon „Alter“ an sich eine Defintionsfrage, die in rechtem Licht betrachtet eine Zeitspanne von 2-3 Lebensjahrzehnten umfaßt, verlängert sich dieser Zeitraum für Schwule und Lesben durch die Definition „alt“ schon ab einem Lebensabschnitt um die Mitte Dreißig, auf eine mehr als die Hälfte des Lebens umfassende Zeitspanne; was Homosexualität im Alter verstärkt in eine Subkultur verlagert. Gemildert durch einen Reifeprozeß, der mit dem Älterwerden auch der Akzeptanz der Homosexualität als Lebensform, die Situation mit der Zeit zu entschärfen vermag.
Trotzdem bleiben in einem natürlich von Heterosexualität geprägten Umfeld viele Wünsche an die Gesellschaft aufrecht, um besonders den, sozial ohnehin schnell alternden Schwulen und Lesben, Perspektiven auf ein Altern in Würde zu ermöglichen. Von der – naheliegend, von Kindern bzw. Enkeln kaum mitgetragenen – Altersvorsorge; bis hin zur gezielten Aufklärung im Gesundheits- und Pflegesystem - in Form von mehr Offenheit für vielfältige Lebensformen in den Leitbildern der Organisationen.
Sex & Lebensqualität im Alter
Als dritter Referent des Tages beschäftigte sich Univ.Prof.Mag.Dr. Franz Kolland in seinem Vortrag unter dem Titel „Neugierde kennt keine Altersgrenze“ mit dem Zusammenhang von Sexualität und Lebensqualität im Alter(n). Seinen Fokus legt er dabei vor allem auf soziologische Unterschiede und Besonderheiten, die die Formen und Praktiken der Alterssexualität prägen. Nicht zuletzt setzt er die eher negative Assoziation des Themas mit dem „generell gesellschaftlichen Stereotyp vom Alter“ in unserer westlichen Gesellschaft in Verbindung. Während andererseits in allen Ländern und Kulturen ein „zunehmendes Auseinanderfallen der Lebensformen von Männern und Frauen“ festzustellen ist.
Zusätzlich zu den geschlechtsspezifischen Ungleichheiten beim Tod – Frauen leben nun mal statistisch länger als Männer – widerspiegeln sich darin auch tiefverwurzelte Unterschiede im Partnerschafts- und Heiratsverhalten der Geschlechter - Männer heiraten eben auch häufig jüngere Frauen.
Daraus resultieren im Alter jene Verwerfungen – zu Ungunsten der Frauen, deren Aussicht, das Alter ohne Partner zu verbringen, ungleich perspektivloser sind, als die der Männer. Was direkt und indirekt natürlich auch Auswirkungen auf gelebte bzw. erlebbare Sexualität zeitigt. Wobei sich auch zeigt, daß zwar ein Verminderung des erotischen Erlebens jenseits der 60 zu bemerken ist, keineswegs aber ein lustloserer Zugang.
Dort wo ein Rückzug aus sexuellen Aktivitäten erfolgt, geschieht dies nicht zuletzt auch aus einem verminderten bzw. gestörten Selbstwertgefühl heraus – auch wenn dies nicht den eigentlichen Bedürfnissen oder auch Möglichkeiten entspricht. „Sexuelles Erleben ist eine wichtige Quelle für ein positives Körpererleben, wichtig für Zufriedenheit und Gesundheit“, Damit - und auch unter Berücksichtigung materieller Absicherung - ein Schlüssel für einen umfassenden Begriff von Lebensqualität.
Lustvoller Abschluß
Im Anschluß an die Vorträge stellten sich die Referenten Wahala und Kolland den etwa 100 TagungsteilnehmerInnen zur Diskussion. Mit am Podium, die LAbg. Doris Eisenriegler und die Kabarettistin Lisa Fitz - die abends gemeinsam mit Sohn Nepo den Tag mit dem Programm ‚Alles Schlampen außer Mutti’ ausklingen ließ; und auch gleich ein nachhaltiges Bekenntnis zum jüngeren Mann an der Seite einer älteren Frau in Person ihres sie begleitenden Lebenspartners dem Publikum präsentierte.
Über vertiefende (Er)Klärungen zu den Vorträgen hinaus, entwickelte sich ein lustvolles Hin und Her zwischen dem Podium, und einem in Summe sehr aufmerksamen und aufgeschlossenen Publikum – weitgehend RepräsentantInnen der Generation 50+. Was letztlich auch in der allgemeinen Feststellung mündete, daß diese Veranstaltung als ein sehr gelungenes „Coming-out“ der namengebenden Generation genommen ward – und in dieser Form wohl als mustergültige Vorlage für eine weiterführende Beschäftigung mit diesem, auch mit dieser Veranstaltung, enttabuisierten Thema zu werten sei. Wobei natürlich den veranstaltenden Organisationen der Grünen besonderer Dank zukam.
Christian Herzenberger
Anmerkung:
Die Tagung
Lust und Liebe – Sexualität im Alter
Unter diesem Titel luden die Grünen 50+ und die Grünen Seniorinnen, in Zusammenarbeit mit den Grünen Andersrum, der Grünen Bildungswerkstatt und den Grünen Frauen, am 15. April 2005 zu einer Tagung in die Linzer Arbeiterkammer. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen vor allem die positiven Seiten der Sexualität im Alter. Aber auch Probleme, Vorurteile und Rahmebedingungen kamen ausführlich zur Sprache.