Links mit Lust

Der Journalist und Buchautor Robert Misik nimmt Abschied von der Trübsal der Linken und fragt sich was in heutiger Zeit „kluges Linkssein“ bedeuten kann.

Auf Einladung der Grünen Linz sowie von AUGE, GRAS und GAJ* war in der Reihe QUERDENKEN Robert Misik zu Gast in Linz. Der Titel des Diskussionsabends: „Warum es so schwer ist, auf kluge Weise links zu sein. Und warum Linkssein doch die einzige Weise ist klug zu sein“.

Robert Misik schreibt im Falter, im Standard, in der TAZ und hat zuletzt das Buch „Genial dagegen“ verfasst. Er gibt gerne zu, dass Journalisten genötigt seien, gewisse Dinge überspitzt zu formulieren. So auch beim Veranstaltungstitel, der dennoch mehr als ein reißerischer „Sager“ ist, wie Misik, der sich auch linken Tabu-Themen unbefangen nähert, im Laufe seiner Ausführungen deutlich gemacht hat.

Die Sichtweise, dass sich die Linke in einer Krise befindet, ist eine Sichtweise, die von der Linken selbst stammt. Wer es jedenfalls heute auf sich nimmt, eine linke Bestandsaufnahme zu lesen, so Misik, muss die Bereitschaft mit bringen, sich deprimieren zu lassen. Aber warum eigentlich?

Gewiss, der entfesselte Neoliberalismus ist nicht zu übersehen: Das Prinzip der Profitmaximierung hat sich als Sachzwang salonfähig gemacht. Das Elend an den Rändern der Gesellschaft, die Prekarisierung, die Arbeitslosigkeit - sie wirken sich allesamt unmittelbar und massiv auch im Zentrum der Arbeitsgesellschaft aus. Also genau dort, wo eben noch alles sicher zu sein schien. Faktum ist: Das Ökonomische tritt weit über die Bereiche hinaus, in denen man seine Herrschaft allgemein, wenn auch zähneknirschend, zu akzeptieren bereit war. Alles ist Markt. Jeder und jede muss sich „verkaufen“. In allem herrscht Konkurrenz.

Aber ebenso unübersehbar macht sich ein vielfältiger Widerstand gegen diese Entwicklungen breit. Die Globalisierungsgegner formieren sich. Der Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ genau so wie die Pop-Band „Wir sind Helden“ erreichen mit kapitalismuskritischen Inhalten Kultstatus. In Theater und Literatur sind linke Positionen sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum erfolgreicher denn je. Und es gibt, so Misik, Zahlenbefunde, die alles andere als deprimieren sollten. Nämlich „linke Mehrheiten“ bei Wahlen. „Linke Mehrheiten“ in Deutschland, in Wien, in der Steiermark. Gut, mag man sagen (und wurde in der Diskussion auch gesagt): wenn das linke Mehrheiten sind, was versteht man dann unter „links“?

Der „Polarstern der Linken“ (Misik) ist die Gleichheit. Die Gleichheit, die sich auf alle Menschen bezieht. Den Unterprivilegierten mehr Möglichkeiten zu geben, ist linke Politik. Die Empörung darüber, dass grundlegende Gerechtigkeitsnormen krass verletzt werden, ist die Affektlage, die dann linke Mehrheiten zu Stande kommen lässt.
Abgestraft wird (und wurde) die Linke hingegen, wenn sie vergisst, dass Gleichheit und Freiheit zusammen gehören. Der Hang der Sozialdemokratie zur Überregulierung und ihr Festhalten an starren Denkschablonen, die mit den veränderten sozialen Milieus nichts mehr zu tun haben, waren selbst gemachte Ursachen, die in den 90er Jahren zu Recht ein Erstarken der Konservativen nach sich zog, so Misik.

Heute sind wieder linke Mehrheiten - die für Misik Gerechtigkeits-Mehrheiten sind - angesagt. Und die moderne Linke muss lernen, Freiheit und Gleichheit mit dem selben Stellenwert und mit der selben Kompromisslosigkeit in ihre Konzepte zu integrieren.

Der Protest gegen den Neoliberalismus nährt sich von einem Bedürfnis, das der Neoliberalismus selbst propagiert hat. Nämlich dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung („Mach dein Ding!“) - das aber im Widerspruch zu den tatsächlichen Rahmenbedingungen steht, die der Neoliberalismus den Menschen zu bieten vermag.

Unklug ist eine Linke, die darauf mit Rezepten aus den 70er-Jahren reagiert; die auf Vollbeschäftigung hofft - und meint, alles würde dann wieder, wie es schon einmal war. Klug ist eine Linke, die den inneren Wandel der Gesellschaft begreift. Die begreift, dass die prekären Ich-AGs auch Ausdruck dessen sind, was viele Menschen tatsächlich wollen. Nämlich ein selbstbestimmtes Leben, frei von einschränkenden, demotivierenden betrieblichen Strukturen.

Wiesehr man mit den eigenen Ausbruchs-Versuchen Teil des Systems ist oder es aber in Frage zu stellen vermag, das ist eine Frage, die sich nicht mehr eindeutig beantworten. Jedenfalls nicht so eindeutig, wie wir es gerne hätten - das sollten wir lernen zu akzeptieren. Zur Klugheit des politischen Denkens und Tuns gehört für Misik jedenfalls eine gute Portion selbstironische Distanz. Ein Sinn für Ambivalenzen. Eine Haltung, die immer schon wesentlicher Bestandteil einer klug verstandenen Aufklärung war.

Gewiss, das gibt Misik selbst zu: Der Widerstand, den er zu verorten meint, drängt sich der Wahrnehmung nicht auf. Man muss schon bereit sein, dort hin zu sehen, wo er statt findet - und das könnte ein Problem mancher traditionalistischer, rückwärtsgewandter Linker sein, so Misik. Zugleich darf dieser Widerstand natürlich nicht damit verwechselt werden, dass die Forderungen, die erhoben werden, auch schon erfüllt wären. Aber der Widerstand ist ein klarer Auftrag auch an eine ganz konventionelle linke (Partei-)Politik, im „Kräftemessen der Meinungen“ nicht nach zu geben und die Gestaltungsmöglichkeiten klar zu bennen. Die wichtigsten sind: Die öffentlichen Haushalte wieder besser auszustatten; das EU-Steuerdumping für Großkonzerne zu stoppen; die Erbschaftssteuer drastisch zu erhöhen; und das so gewonnene Geld in Bildung zu investieren.

Letzteres aber nicht in der Annahme, damit wieder Vollbeschäftigung zu erreichen. Diese wird es nicht mehr geben, so Misik. Aber gerade jene, die in Massen arbeitslos werden (bzw. sind), sind jene, die heute bildungsmäßig am wenigsten auf ein Leben ohne Arbeit vorbereitet sind - worin eine zusätzliche Ungerechtigkeit und Benachteiligung liegt. (Dass hier mit Bildung nicht das x-te Bewerbungstraining gemeint ist, versteht sich von selbst.) Die Leute, die sich als Arbeitslose von sich aus etwas Sinnvolles zu tun wissen, sollte man nicht schikanieren, sondern ermutigen, weil sie eigentlich eine Art „Avantgarde“ sind.

Einige Abschiede stünden der Linken gut an. Eben jener von der religiösen Verehrung der Erwerbsarbeit. Aber zum Beispiel auch der, sich mit Vorliebe als Verliererin der Geschichte zu sehen. Das „kluge Linkssein“ besteht für Misik (wenn man diesbezüglich ein Resumee des Abends zu ziehen versucht) in der Herausforderung, optimistisch und findig zu sein, ohne sich blindwütig in Illusionen zu verlieren.

Christian Krall

* Zur Erläuterung:
AUGE (Alternative und Grüne GewerkschafterInnen)
GRAS (Grüne und Alternative StudentInnen)
GAJ (Grünalternative Jugend)