Der oö.planet sprach mit drei politisch interessierten Menschen darüber, wie sich das Grundeinkommen auf ihr Leben und die Gesellschaft auswirken würde. Im Folgenden die wichtigsten Auszüge und Zitate.
Erwin J. Franz, Grafikdesigner und Kommunikationskaufmann, selbstständig tätig seit April 2005
„Der Spaß, den man eigentlich hat“
Franz: Als Jungunternehmer hast du gerade in der Startphase immer wieder Zeiten, wo es nicht klar ist, wie es genau weiter gehen wird. In dieser Zeit würde mit einem Grundeinkommen der Druck natürlich wegfallen. Mit dem Existenzdruck im Kopf zum Kunden zu gehen, ist sicher nicht das beste Klima für den Erfolg.
Franz: Ich sehe Arbeit immer als Sinnstiftung. Ich glaube, dass das Arbeiten den Menschen ein Bedürfnis ist - und dass sie nicht nur arbeiten, damit sie sich dann mit dem Geld die anderen Bedürfnisse erfüllen können. So lange man aber beim Arbeiten reale Existenzängste mit schleppt, verliert sich der Spaß, den man eigentlich hat.
Franz: Das Spektrum der angebotenen Dienstleistungen würde sich schon verschieben. Bei den pflegerischen Diensten ist dann halt die Mitmenschlichkeit das Motiv. Das pessimistische Szenario: Dass der Anreiz nicht mehr gegeben ist und mitunter die Leute nicht mehr bereit sind, überhaupt etwas zu arbeiten.
AUGE: Aber das Bedürfnis, mehr zu haben als andere, bzw. auch einen gewissen Luxus - das wird ja nicht vollkommen verschwinden.
Franz: Nur die Frage ist, ob es überhaupt Leute geben wird, die noch bereit sind, zum Beispiel einen Porsche zusammen zu bauen. Das heißt: zu welchen Konditionen. Da werden sicher Marktmechanismen ein Stück echter ins Spiel kommen. Was jetzt als freier Markt gehandhabt wird, da wird die Situation oftmals von den Unternehmern ausgenützt.
Franz: Das Grundeinkommen ist einfach notwendig für die vielen Ich-AGs. Falls so ein Unternehmen schief geht, hat der Selbstständige das Problem, dass er ja keine Unterstützung bekommt. Und dann die ganzen „working poor“ - das Phänomen nimmt laufend zu.
AUGE: Und deine positive Vision - das klingt ja bei dir doch stärker durch?!
Franz: Dann bekommen Firmen viel eher die Mitarbeiter, die sie eigentlich brauchen: Die Leute, die in der Aufgabe, um die es dort geht, einen Sinn sehen und Spaß daran haben.
Martina Hamed, Altenfachbetreuerin und allein erziehende Mutter mit zwei Kindern.
„Dass dieser Druck einmal weg ist“
Hamed: Diese Arbeit ist meine Philosophie. Aber ich würde sicher runter gehen auf 20 Stunden. Als Alleinerziehende ist ja meine Wochenarbeitszeit bei 70, 90 Stunden, weil meine Kinder wollen mir erzählen, wie der Tag war, für die Schule ist was vorzubereiten, ich muss mich um den Haushalt kümmern, waschen, kochen, bügeln etcetera. Am Abend habe ich schon oft meine Erschöpfungszustände, wo ich ausgepowert bin.
Hamed: Wenn das dann noch mit den Alimenten nicht funktioniert, das kann sich jemand, der nicht in der Situation ist, überhaupt nicht vorstellen. Da sehe ich im Grundeinkommen absolut einen Gewinn. Dass die ganzen allein erziehenden Frauen nicht um das nackte Überleben arbeiten müssen und dieser Druck einmal weg ist.
Hamed: Wir haben in der Altenbetreuung jetzt schon Personalknappheit. Ich weiß nicht, ob manche dann noch bereit sind, eine in der Gesellschaft niedrig eingestufte Arbeit zu tun. Die Leute gehen zum frühesten Zeitpunkt in Pension - weil sie ausgebrannt, überfordert und müde von der Arbeit sind.
AUGE: Die Gesellschaft wäre sehr schnell zu einer Aufwertung bereit - sicherlich auch mehr Gehalt.
Hamed: Ich denke, dass unsere Arbeit unterbezahlt ist. Weil die Wertschätzung nicht da ist für diese Arbeit. Das stimmt mich traurig, aber es ist die Wahrheit dieser Gesellschaft.
Hamed: Ich finde Arbeit ganz wichtig für die Struktur im Leben. Die Kinder gehen in die Schule, ich geh in die Arbeit. Die Versuchung, einfach daheim zu bleiben, wäre für viele eine Gefahr: Wenn jemand psychisch labil ist und keine Struktur mehr hat, da sehe ich schon am Horizont die Depressionen auftauchen. So wie die Politik auch nicht vorschreiben können wird, so und nun seids phantasievoll, seids kreativ!
Unda E. Kammelberger, Lebens- und Sozialberaterin, Körpertherapeutin, Linz
„Die haben auf einmal ein Ansehen“
Kammelberger: Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Sicherheit, und diese Sicherheit gibt dann auch die Möglichkeit für Veränderungen. So wie es jetzt ist, in dieser klassischen Erwerbsarbeitsgesellschaft, ist es kaum möglich sich beruflich gemäß der Neigung zu verändern. Das wäre aber für viele ein großes Anliegen. Weil wir ja verschiedene Lebensphasen durch machen, wo neue Persönlichkeitsanteile zum Tragen kommen und auch gelebt werden wollen.
AUGE: Was das eigentlich für ein gesellschaftlicher Schaden ist - die Fähigkeiten und Energien, die da brach liegen, und umgekehrt der Frust, der die Menschen blockiert.
Kammelberger: Jeder von uns kennt genügend Beispiele von Menschen, die in einem Beruf feststecken, der für sie nicht stimmt. Aber von der Firma werden sie weiter von einer Schulung in die nächste gejagt. Die Leute sind demotiviert und sie werden krank.
Kammelberger: Ich denk mir, es muss einfach gegengesteuert werden. Das geht zur Zeit wirklich so auseinander mit den Einkommen. Und man tut Menschen ganz viel an der Seele weh, wenn man sie ausschließt vom Arbeitsprozess, wenn sie nichts wert sind. Diese Gleichachtung aller Menschen, die mit dem Grundeinkommen gemeint ist, und die Chance, sich einzubringen - ich glaube, dass da ganz viel weiter geht.
Kammelberger: Ich bin sicher, dass es viele Berufe geben wird, die wir noch gar nicht kennen - weil sich die Menschen trauen. Es gibt ja jetzt schon Vereine, autonome Gruppen - aber das ist alles in einen privaten Raum ausgelagert. Indem ich ein Grundeinkommen habe, wird meine ehrenamtliche Tätigkeit viel klarer als ein Beitrag zum Gemeinwohl sichtbar! Da kommen dann aus diesem privaten Raum die Leute heraus, die haben auf einmal ein Ansehen - und das verändert was. Das braucht der Mensch!
Kammelberger: Je mehr wir sagen, wir geben dir dieses Grundeinkommen und du bist dafür verantwortlich - je mehr man das den Menschen zutraut, desto besser machen sie es!
Interview: Christian Krall, Mitarbeiter der Grünen und Alternativen GewerkschafterInnen (AUGE)
Rückmeldungen an marco.vanek@gruene.at
DAS GRUNDEINKOMMEN ist eine Möglichkeit, um die Vorteile der ständig steigenden Produktivität (mit immer weniger Arbeit kann immer mehr erzeugt werden) gerecht auf alle zu verteilen. Jedes Mitglied der Gesellschaft erhält vom Staat ein gesichertes Einkommen, das deutlich über der Armutsgrenze liegt und eine echte Teilnahme am normalen Alltag erlaubt. Das Grundeinkommen wird unabhängig von anderen Arten des Einkommens bezahlt und beinhaltet eine Krankenversicherung.
Das bedeutet:
Weniger Armut, Befreiung von Existenzängsten
Keine Diskriminierung von Arbeitslosen und SozialhilfeempfängerInnen
Weniger Kontrolle, weniger Bürokratie
Freiheit bei der Wahl der Ausbildung und der beruflichen Tätigkeit
Freiheit bei der Entfaltung der Persönlichkeit und des Gemeinschaftslebens
Impulse für die Wirtschaft (geringere Personalkosten, motiviertere MitarbeiterInnen, leichterer Interessenausgleich bei Rationalisierungen; erhöhte Nachfrage; mehr Dienstleistungsangebote, neue Unternehmensideen)
Das Grundeinkommen (etwas anderes als die Grundsicherung, auf die nur in bestimmten Situationen Anspruch besteht) wird in verschiedenen ideologischen Lagern diskutiert. Debatten gibt es vor allem über die Höhe und die Finanzierung.