Eine Prokuristin, die lediglich teilzeitbeschäftigt ist. Beschäftigungsverbote nach 20 Uhr für Workaholics. Und zwei erfolgreiche Chefs, die ihre Grundsätze scheinbar noch nicht aus den Augen verloren haben. : Das Öko-Möbel- und Kosmetik-Versandhaus „Grüne Erde“ im Porträt
„Wie man sieht, gibt es bei uns viel Handarbeit“, betont Produktionsleiterin Renate Kaiser stolz eine besondere Qualität der Produkte ihrer Firma. Tatsächlich: Beim Rundgang durch die Produktionshallen kann man zusehen, wie bei Matratzen die einzelnen Schichten händisch übereinander gelegt, verdichtet und am Schluss zusammengenäht und verpackt werden. Und man kann riechen, wie Kokoslattex und Schafschurwolle duften, bevor sie in die entsprechenden Kissen gestopft werden.
Dass bei der „Grünen Erde“ die Uhren anders ticken, merkt man schnell: Frauen stellen die deutliche Mehrheit der Belegschaft. Auch diverse Auszeichnungen als frauen- und familienfreundlichster Betrieb bzw. für die Integration von Menschen mit Behinderung sprechen für sich. „Von der Ein- bis zur Fünftage-Woche, von der Acht- bis zur 40-Stunden-Woche gibt es bei uns alles. Auch Heimarbeit ist möglich. Fluktuation gibt es fast keine. Alle sind gern bei uns!“, sieht Geschäftsführer Kuno Haas auch Vorteile für die Arbeitgeber-Seite. Die jetzige Produktionsleiterin Renate Kaiser etwa hat als Heimarbeiterin begonnen, mittlerweile ist sie sogar zur Prokuristin aufgestiegen – aber sie arbeitet nach wie vor in Teilzeit. Auch die beiden Chefs leben diese Philosophie vor: „Wir arbeiten vierzig Stunden, wenns geht auch nur 35. Wir fahren sicher sechs Wochen auf Urlaub, wenn es sieben sind, ist es noch besser. Wir haben auch schon Beschäftigungsverbote für Mitarbeiter nach 20 Uhr ausgesprochen“, so Haas. Und sein Co-Geschäftsführer Reinhard Kepplinger ergänzt: „Ich glaube, dass Leute, die 60 bis 70 Stunden pro Woche arbeiten, entweder schlecht organisiert sind, oder vor etwas davonlaufen.“
Der Nachhaltigkeits-Gedanke schlägt sich auch im zeitlosen, puristischen Design der Produktlinien der „Grünen Erde“ von nieder. Dazu Kepplinger: „Es hat keinen Sinn, Super-Öko-Möbel zu machen, die man nach fünf Jahren nicht mehr sehen kann. Das wäre ökologisch sinnlos.“ Auch bei Konstruktion und Materialauswahl wird nach strengen Kriterien vorgegangen: Für Möbel von der „Grünen Erde“ werden kein Metall, Kunststoff, Farbe oder Beize verwendet, sondern ausschließlich Vollholz, das aus Europa stammt. Spannplatten sind sowieso Tabu. Bei Textilien werden, wenn möglich, heimische Materialien wie Schurwolle und Leinen bevorzugt. „Wir halten nichts davon, Holzbretter zu Sägespänen zu vermahlen, und aus diesen dann wieder Bretter und in weiterer Folge Möbel zu machen“, so Haas und Kepplinger.
Dafür, dass sich die Firma auch in Zukunft so positiv entwickeln wird, spricht auch die Abgeklärtheit der beiden Alt-68er, Größenwahn ist ihnen suspekt: „Small is beautiful. Keine Megakonzerne, keine Wunderwuzzis“, sind sie überzeugt. Bei ihrem Firmengeflecht – neben der Zentrale in Scharnstein immerhin neun Shops in Österreich und Deutschland und Tischlereien in Kärnten und Ungarn - achten sie auf überschaubare Verhältnisse. Ihren Prinzipien wollen sie treu bleiben, oder wie Kuno Haas es formuliert: „Wir investieren in alles mögliche – aber selten in Maschinen. Denn eine Matratze heißt 180 Minuten Produktionszeit, und das wird auch in zehn Jahren so sein.“
Stefan Veigl
Aus oö.planet Nr. 39/05