Die Kunst des Nichtstuns

Die Wiederentdeckung der Muße
Heute wird soviel gearbeitet wie nie zuvor. Doch es gibt ein lustvolles Leben neben der Arbeit. Für ein Recht auf Faulheit plädiert Markus Pühringer

Für den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder steht fest: „Es gibt kein Recht auf Faulheit!" Er predigt damit einen zentralen Glaubenssatz der kapitalistischen Gesellschaft: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. - Nur wer Arbeit hat oder bereit ist, sich als „Arbeitskraft" auf den Markt zu tragen und dort an einen Arbeitgeber zu verkaufen, verdient es, ein anständiges Leben zu führen. Faul sein und der Muße zu frönen, hat keinen Platz in einer solchen Gesellschaft.

Nur: Dieses Recht auf Faulheit hat es in vorkapitalistischen, also ärmeren Zeiten allem Anschein nach schon gegeben. Man mag es nicht Faulheit genannt haben, sondern Muße. Muße - als nicht-verzweckter Teil des Lebens – war wesentlicher Bestandteil im alltäglichen Leben der Menschen.

Muße im alten Athen

Schon im alten Athen richteten es sich die Reicheren so ein, dass sie frei von Erwerbsarbeit waren. Sie waren deshalb keineswegs untätig oder träge, denn die „Freien" standen im Austausch mit anderen BürgerInnen. Die Teilhabe an der Gemeinschaft (Polis) war ihnen wichtig. Auch Kunst und „Selbsterkenntnis" sollten nicht zu kurz kommen. Wenn es möglich war, entzog man sich dem Zwang zur Arbeit. Übermäßiges Gewinnstreben oder der Wunsch, mehr haben zu wollen, als zu einem guten Leben ausreicht, waren im alten Athen als Laster verpönt.

Natürlich war ein solcher Wohlstand, der es erlaubte, keiner Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen, ein Privileg einer Oberschicht. Aber selbst jene, die noch arbeiten mussten, weil sie noch nicht über ein ausreichendes Vermögen verfügten, hatten großzügige Arbeitsregelungen. Selbst die „Nicht-Freien", also die Sklaven, arbeiteten maximal 8-9 Stunden am Tag.

Warum die Muße so wichtig ist, war für die altgriechischen Philosophen sonnenklar: Nur in der Muße ist der Mensch ganz bei sich. Nur in der Muße findet der Mensch sein Seelenheil. Weil es aber auch schon bei den alten Griechen übermäßige Geschäftstüchtigkeit gab, soll Sokrates einmal scharf mit einem Geschäftsmann ins Gericht gegangen sein: „Schämst du dich nicht, für dein Vermögen und seine stetige Vermehrung zu sorgen (...) und für deine Seele, dass sie so gut wie möglich wird, sorgst du nicht und bist unbekümmert um sie?"

Muße im Mittelalter

Auch im angeblich so finsterem Mittelalter herrschten Sitten, die in unser arbeitswütigen Zeit kaum denkbar sind. Neben der obligatorischen Sonntagsruhe, die damals auch noch wirklich eingehalten wurde, gab es – regional verschieden – 85 bis 100 Feiertage im Jahr. Zusätzlich dazu boten noch Hochzeiten, Geburten, Inthronisationen und Siegesfeiern mannigfache Möglichkeiten zu öffentlichen Feiern und Festen. Und selbst in den „Arbeitszeiten" war es undenkbar, die Zeit minutiös in Arbeits- und Freizeit einzuteilen. An „Arbeitstagen" wurde durchschnittlich nicht mehr als acht Stunden gearbeitet.

Aus Zeit wird Geld!

Sobald sich aber herumgesprochen hatte, dass (Arbeits-)Zeit angeblich Geld sei und Geld stetig vermehrt werden musste, war es um den gesellschaftlichen Stellenwert der Muße geschehen: Die Muße blockierte die gedeihliche Entwicklung des Kapitalismus. Also musste sie Stück um Stück diskreditiert werden. Kapital muss von Jahr zu Jahr wachsen und wachsen - koste es was es wolle. Das wurde in den letzten 200 Jahren kapitalistischer Entwicklung zu einer Art „religiösem Dogma", an das alle Welt glaubt. Zum Wohle dieses Dogmas wurde die (Arbeits-)zeit in quantitativer Hinsicht verlängert und in qualitativer Hinsicht verdichtet.

Also wurde in der frühkapitalistischen Entwicklung die Arbeitszeit immer länger und die Muße immer kürzer. Im 18. und 19. Jahrhundert waren dann plötzlich Arbeitstage von 14-16 Stunden nichts Außergewöhnliches. Der Einsatz von moderner Technologie sorgte dafür, dass in immer weniger Arbeitszeit immer mehr produziert werden kann.

Arbeiten bis zum Umfallen

Arbeit wurde im Kapitalismus zum Selbstzweck: Obwohl es in der Geschichte der Menschheit noch nie eine derart große Warenansammlung gegeben hat (die im übrigen noch nie so ungleich verteilt war), wird selbst in den reichen Regionen der Erde gearbeitet wie nie zuvor. Paradoxerweise arbeiten in unserer Gesellschaft ja gerade die, die es sich leisten könnten, ein „gutes Leben" zu führen, bis zum Umfallen. 14- bis 16-Stundenwochen sind für TopmanagerInnen keine Seltenheit. In einer beeindruckten Erzählung schildert die junge österreichische Autorin Kathrin Röggla, dass es für hochbezahlte Führungskräfte normal sei, so viel wie möglich zu arbeiten. Das heißt auch, so wenig wie möglich zu schlafen - wie der Titel des Buches verrät: „wir schlafen nicht".

Will der moderne Mensch keine Muße mehr?

Für WirtschaftswissenschafterInnen ist diese „Arbeitswut" leicht erklärt: Die Menschen arbeiten so viel, weil sie gerne so viel konsumieren. Natürlich kann man weniger arbeiten, aber das tut man nicht, weil das Gut „Konsum" höher bewertet wird als das Gut „Freizeit". Also arbeitet man lieber eine Stunde mehr und kauft um diesen Stundenlohn eine Ware. Der homo oeconomicus misst ganz rational jeder Handlung und jeder Ware einen Nutzen zu. Er tut (bzw. konsumiert) dann das, was seinen Nutzen (sein Glück) optimiert. (Bei so viel Wohlstand müssten in der westlichen Welt nur noch mega-glückliche Menschen herumlaufen.)

Also: Im Kapitalismus wird der Mensch als rein passives Wesen verstanden, das äußere Einflüsse und Reize mechanisch bewertet und mittels perfekter Optimierungsrechnung sein Verhalten setzt. Zufälligerweise war dieses Menschenbild für die kapitalistische Entwicklung äußerst brauchbar. Es ist für die kapitalistische Wirtschaft ganz gut, wenn der Mensch gar nicht zu sich selbst findet, sondern mit seiner Arbeits- und Konsumkraft die Kapitalverwertung in Schwung hält. Der Mensch sollte gar nicht zu viele Mußestunden haben, weil das könnte ihn ja auch auf dumme Gedanken bringen und ihm vielleicht klar machen, dass die Dominanz der Arbeit und der Besitz allerlei Waren auch nicht wirklich glücklich machen.

Muße-Stunden als anti-kapitalistisches Prinzip

Ein Menschenbild wie der homo oeconomicus wäre in vorkapitalistischen Zeiten undenkbar. Da wurde dem Menschen eine Seele zugesprochen, die als Quelle von Lebendigkeit verstanden wurde und die ihren Ausdruck in ihren Beziehungen zu den Mitmenschen und zur Umwelt sucht. Um sich selbst entfalten zu können, brauchte man aber genügend Muße-Stunden.

Wenn die Muße wiederentdeckt werden will, steht ein langer Weg bevor: Die Muße muss hart erkämpft und der Arbeitszeit abgerungen werden. Muße-Stunden können irritieren und unsicher machen, weil sie ungewohnt sind und zur Konfrontation mit sich selbst führen können. Ein jahrelang auf Leistungssinn getrimmtes Arbeitstier muss sich wohl auch erst wieder langsam an Muße gewöhnen. Muße-Stunden haben sicherlich nichts mit Fernsehen, Zerstreuung, unfreiwilliger Arbeitslosigkeit oder lauter Musik zu tun. Aber sie können dem Leben neue Qualität geben.

Warnung: Übermäßig genossene Muße-Stunden machen den Herrn Schröder vielleicht nervös! - Aber das soll uns doch egal sein.

 

Literaturtipps:

Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, Leverkusen 1999

Ottomeyer Klaus, Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen, Münster 2004

Röggla Kathrin, wir schlafen nicht, Frankfurt 2004

Straub Eberhard, Vom Nichtstun. Leben in einer Welt ohne Arbeit, Berlin 2004

oö.planet Nr. 35/04