Den heutigen Arbeitsbegriff zu kritisieren ist ein Tabu. Doch im Buch „Dead Men Working“ wird er gebrochen.
Die heutigen Versprechungen von Glück und Freiheit sind stets warenförmig. Wir können zwischen 60 Fernsehprogrammen wählen, zwischen 20 Sorten Katzenfutter oder zwischen 10 Marken Öko-Packerl-Suppen. Die Freiheit in einer gesunden Umwelt zu leben, unvergiftete Lebensmittel zu essen, Zeit und Muße zu haben, die haben wir nicht. Immer mehr Lebensäußerungen und Naturressourcen, die bisher nicht kommerzialisiert gehalten wurden, werden in Warenformen gepackt: der Verkauf von Luftverschmutzungskontingenten, die Patentierung aller menschlichen, tierischen und pflanzlichen Gene, menschliche Organe... Auch zwischenmenschliche Zuwendungen wird immer öfter gegen Geld erworben: Therapien aller Art, Flirt- und Trauerseminare, PartnerInnenvermittlung u. v. m. Niemand wünscht sich dies, doch alle spielen mit gemäß den „Sachzwängen“, wie die menschenverachtenden Gesetzes des Kapitalismus genannt werden. Die Ökonomie kennt nur ein Gebot: die Minimierung der einzelbetrieblichen Kosten. Die Natur, die Arbeitenden und die Gesellschaft haben für diese Minimierung einen hohen Preis zu entrichten. Politik und Wirtschaft halten es für selbstverständlich, dass die ökonomischen Kritierien den Vorrang vor allen anderen haben.
Die HerausgeberInnen des Sammelbandes „Dead Men Working“ Ernst Lohoff und Maria Wölflingseder bringen die heutigen gesellschaftliche Entwicklungen auf den Punkt: „Wer gegen diese Verrücktheiten etwas unternehmen will, kann sich nicht mit einer Kritik an den politischen und wirtschaftlichen MachthaberInnen begnügen.“
Die AutorInnen des vorliegenden Buches reagieren dabei mit einem bewußten Tabubruch:
Sie sprechen der Arbeit ihren Rang als unhinterfragbare Grundlage des Lebens ab.
Wer Kritik an der Notwendigkeit zu arbeiten äußert, gilt im allgemeinen als weltfremder Spinner. Dabei war es vor langer Zeit selbst unter renommierten bürgerlichen WissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz, daß die Arbeit im Zuge der technischen Revolution verschwindet. Offenbar ist das völlig in Vergessenheit geraten. Den AutorInnen ist klar, dass die Menschen Dinge für ihr Überleben herstellen müssen und dies nicht immer ohne Mühsal möglich ist. Sie kritisieren aber den Umstand, daß es beim Einsatz von Arbeit nicht in erster Linie um die Herstellung nützlicher Dinge, sondern vor allem um deren Verkäuflichkeit geht. Arbeit wird nur nachgefragt, wenn sich mit ihrem Einsatz Geld verdienen läßt. Dieser Zusammenhang hat zur Folge, dass viele lebenswichtige Dinge kaum noch hergestellt werden, weil hinter ihnen keine zahlungskräftige Kundschaft steht.
Wer sich auf diesen Kritik-Ansatz einläßt, gelangt zu überraschenden Einsichten. Vieles erscheint als völlig irrwitzig. Auch die gegenwärtige Krise: Obwohl sich an den konkreten Produktionsbedingungen nichts verschlechtert hat, werden immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgeschlossen. Berge von Gütern liegen in den Läden und finden keinen Absatz. Die AutorInnen betrachten Arbeitskritik als Akt der sozialen Notwehr. Da das System von Arbeit und Geld zunehmend unser Leben in Frage stellt, ist es höchste Zeit, das System von Arbeit und Geld in Frage zu stellen. Auch eine von »Arbeit« befreite Gesellschaft sähe nicht aus wie das Schlaraffenland, aber es könnte weniger unnötiges Leid geben.Marco Vanek
Ernst Lohoff, Maria Wölflingseder u.a.: Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. UNRAST-Verlag, Münster 2004, 304 S., 18,60 Euro