Frithjof Bergmanns Ideen der Neuen Arbeit zeigen Alternativen zum herkömmlichen Lohnarbeitssystem auf. Die klassische Erwerbsarbeit nimmt dabei nur mehr eine kleine Rolle ein.
Anfang der 80er Jahre stand General Motors in Flint vor dem ökonomischen "Sachzwang", Massenentlassungen vornehmen zu müssen. Für die betroffenen ArbeiterInnen, als auch für die Stadt hätte dies zu weitgreifenden sozialen Problemen geführt. Hier hakte Frithjof Bergmann mit seiner Idee ein. Er schlug vor, dass sich alle Arbeiter die vorhandene Arbeitszeit teilen sollten. Dies aber nicht als tägliche oder wöchentliche Arbeitszeitverkürzung, sondern mit einer Jahresteilung: „Abwechselnd ein halbes Jahr arbeiten und dann ein halbes Jahr freie Zeit“. Der Lohnverlust sollte einerseits gedeckt werden aus Zuschüssen der Firma (die ja auch in den USA sonst ein Entlassungsgeld hätte zahlen müssen) und Arbeitsleistungen, die die Menschen sich in der freien Zeit selbst und gegenseitig zukommen lassen. „Wer sein Auto in einer gemeinsamen Werkstatt selbst repariert, spart Geld. Wer seine Möbel in einer gemeinsamen Werkstatt selber tischlert, spart Geld und beim Hausbau sowieso. Außerdem war von vornherein bedacht, daß bei einem halben Jahr Freizeit viele Menschen überhaupt erst einmal die Chance haben, darüber nachzudenken, was sie mit so viel freier Zeit anfangen wollen.“ Wenn Skeptiker dazu meinen, daß Leute, die mitunter 20 Jahre lang stupide Arbeit am Fließband geleistet haben, gar nicht mehr auf eigene und noch dazu kreative Ideen kommen könnten, antwortet Bergmann nur lächelnd: "Man muß nicht 20 Jahre am Fließband gearbeitet haben, um nicht zu wissen, was man wirklich, wirklich will."
Aus den Erfahrungen des Projektes „Center of New Work“ in Flint und ähnlichen Vorhaben in den USA und Kanada entstand das Konzept Neue Arbeit – Neue Kultur. Kernpunkt dieser Idee war die Dreiteilung der Lebensarbeitszeit:
ein Drittel Erwerbsarbeit als „Job“
ein Drittel Selbstversorgung in Gemeinschaft
ein Drittel Arbeit als Berufung – arbeiten, was man wirklich, wirklich möchte
Erwerbsarbeit als "Job"
Erwerbstätigkeit in seiner klassischen Form wird es weiterhin geben müssen; sie ist aber in ihrem Ausmaß und der Bedeutung für das Leben des einzelnen reduziert. Dies entspricht den aktuellen Prozessen angesichts der enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität und der strukturellen Massenarbeitslosigkeit. Angesichts der Produktionsüberkapazitäten im Automobilbereich könnte auf die gesamte europäische Autoindustrie verzichtet werden, was 1/6 der Arbeit ersparen würde). Als Lösung der daraus erwachsenen problematischen Lage wird allerdings nicht ein erneute Ausdehnung dieser Erwerbsarbeit ("40 Wochenstunden Lohn-Arbeit für alle") gesehen, sondern eine Umstrukturierung und Umbewertung aller Tätigkeiten bei Aufwertung dessen, was man "wirklich, wirklich will".
Selbstversorgungswirtschaft
Die durch reduzierte Erwerbsarbeit eingesparte Zeit kann einerseits verwendet werden bei Tätigkeiten zur Selbstversorgung in Gemeinschaft, wobei Bergmanns Konzept auch hier hohe Arbeitsproduktivität voraussetzt. Er sieht hier enorme Möglichkeiten durch intelligente Technologien in gemeinschaftlicher Nutzung (z.B. Formen der Permakultur... ). Dies wird im allgemeinen nicht dem Selbstlauf überlassen, sondern durch Stiftungen und Vereine gezielt initiiert und betreut. Vor allem hier kommen die durch Unternehmen und Staat (jedenfalls manchmal) zur Verfügung gestellten Finanzen zum Einsatz, weil sie 1. Menschen finanzieren, die sinnvolle Projekte aufbauen und 2. die eingesetzten Sachmittel nicht nach einem Jahr "Maßnahme" irgendwo rumstehen oder verschwinden, sondern für die langfristige öffentliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden.
Arbeit, die wir wirklich wollen
Der meist als letzte genannte, manchmal sogar vergessene, aber für Bergmann wichtigste Teil ist jener Tätigkeitsbereich, bei dem die Menschen tun dürfen, "was sie wirklich, wirklich tun" wollen, die sogenannte "Berufungsarbeit". Überhaupt erhalten sie hier erst einmal den Freiraum, dies herauszufinden zu können. Manche dieser Tätigkeiten führen zu erfolgreichen Existenzgründungen, aber dies ist nicht das Hauptziel. Oft fließen die hier erweiterten Kenntnisse und Persönlichkeitsausprägungen in die anderen Eigenarbeits- und Job-Tätigkeiten bereichernd ein. Aber viel wichtiger ist die Befreiung des menschlichen Lebens aus fremden Zielvorgaben - die Freisetzung von Zeit zur Kreativitätsentfaltung für alle Menschen...
Marco Vanek
Zitiert
"Wir versuchen nicht, Flicken auf die Löcher des sich in weiten Teilen in Auflösung befindlichen Lohnarbeitssystems zu nähen. Auch wenn uns das nicht immer gelingt, besteht die Absicht doch darin, Möglichkeiten zu präsentieren, die Schritte hin zu einer intelligenteren, menschlicheren und fröhlicheren Kultur darstellen.
Worauf wir abzielen, findet man in Analogie sehr schön in dem sich in der Computerwelt zunehmend verbreitenden Open-Source-System: Wir geben sämtliche nützlichen Vorschläge, die wir nur irgendwie zusammentragen können, an andere Menschen weiter, ohne für uns in Anspruch zu nehmen, deren Urheber zu sein. Ebenso ermutigen wir die Menschen, die zu uns kommen, in demselben großzügigen Geist ihren Beitrag zu diesen Möglichkeiten zu leisten."
Frithjof Bergmann