Vom Protest zum Ökolifestyle

Vor 30 Jahren begann die Alternativbewegung gesellschaftsverändernde Konzepte zu entwerfen und diese in Projekten, Werkstätten und selbstverwalteten Betrieben umzusetzen.Was ist von von damaligen Utopien geblieben

Am Anfang stand der Protest: gegen das Atomprogramm der Regierung (Zwentendorf, St. Pantaleon...), gegen Straßenbauten, gegen Landschaftszerstörung, gegen Zersiedelung. Gegen die „Betonparteien“, die im Parlament saßen. In den Protesten spiegelte sich auch die seit den Mitte der 70iger Jahre in Osterreich weitverbreitete Industrie-, Wachstums- und Technikkritik wider.

Vor allem der Umweltprotest war es, der den Boden für die späteren Grünen aufbereitete. Erst ab Mitte der 70iger Jahre wurde der Protest bunter und es bildete sich ein breites „gegenkulturelles Milieu“ heraus. Grün war zwar die Hauptfarbe dieser neuen politischen Kultur, aber nicht die einzige. Unter „Grün“ wurde der Ansatz verstanden, die Gesellschaft und Wirtschaft sollten unter ökologischer Fragestellung neu durchdacht werden.

Die neue Buntheit stand auch für die Vielfalt alternativer Ansätze, denen gemeinsam war, dass sie auf ganz unterschiedlichen Praxisfeldern die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach einer anderen Lebenskultur ausdrückten. Versuche, die eigene Lebensweise zu ändern, reichen bis in die Studentenbewegung der 60iger Jahre zurück und haben sich in den 70iger Jahren zu einem auch in der Größenordnung relevanten Alternativsektor gemausert. Dieser umfasste Wohngemeinschaften sowohl in der Stadt als auch am Land, Alternativbetriebe, Alternativmedien, sexuelle Minderheiten wie Schwule und Lesben, Kindergruppen und alternative Schulen. Darunter gehörten auch die entwicklungspolitischen Initiativen genauso wie die Sponti-Szene, autonome Jugendhäuser, Fraueninitiativen...

Die Alternativbewegung war anfänglich ganz stark mit einer wirtschaftskritischen Position verknüpft, die eine Unvereinbarkeit zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschonung postuliert hat.

Ab Mitte der 80er Jahr kam die Zeit der Institutionalisierung. Ein Teil der AktivistInnen aus den zahlreichen Basisgruppen wanderte in die damals entstehenden Grün-Parteien, ein anderer Teil wandte sich der Lobbyarbeit in den vielen Ökovereinen und –verbänden zu oder wurde von fortschrittlichen Unternehmen aufgesogen.

Die Alternativszene heute
Fast nichts mehr übrig geblieben ist heute vom gesellschaftsveränderden Flair der Graswurzelbewegung der 70er und 80er Jahre, auch von der einstigen politischen Ausrichtung ist in unserer Zeit wenig zu spüren. Die damaligen alternativen Betriebe haben sich als Form der politischen Praxis verstanden haben, einmal zur Verwirklichung der Selbstverwaltung, zum anderen als ökologisches Projekt. In den vergangenen Jahren ist der Kontakt kommerzieller Öko-Projekte zu den politischen Gruppen immer weniger geworden. Waren noch vor wenigen Jahren Aktionsaufrufe u. ä. typische Verzierungen von Schaufenstern, so sind in den meisten Öko-Firmen z. B. Bioläden... diese heute nicht mehr erwünscht, wurden verdrängt durch immer mehr kommerzielle Werbung. Anzeigenschaltungen in politischen Magazinen werden bewußt unterlassen, politischen Gruppen die Betriebe nicht mehr als Treffpunkt oder Infrastruktur zur Verfügung gestellt.

Heute ist vielmehr von Ökolifestyle die Rede. Dieser Trend hat einen starken Fokus auf die eigene Gesundheit, in Bezug auf Ernährung, Kosmetik, Kleidung und Raumluft. Für die Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski geht es dabei um die bestimmte Vorstellung von Natürlichkeit, die für den eigenen Körper gut sein soll. Die Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit ist in den Hintergrund getreten zu Gunsten eines rein egoistischen Gesundheitsbewußtseins.

´Öko-Buisness – ein boomender Sektor
Während noch in den 80er Jahren die Unvereinbarkeit zwischen Ökonomie und Ökologie fast schon ein Dogma war, hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Polen sichtlich entspannt. Heute gehören ökologische Instrumentarien in der Betriebs- und Volkswirtschaft zum Mainstream. Der Unterschied zu den Ideen der frühen Alternativbewegung: Im heutigen Öko-Buisness geht es nicht mehr um die grundlegende Änderung der Gesellschaft, sondern darum Profit durch Korrekturen am gegenwärtigen Wirtschaftssystems zu erzielen. Die in den letzten 15 Jahren entwickelten Umweltkonzepte, verlagern die umweltschutzbezogenen Mechanismen in den Markt. Die bekanntesten Beispiele sind die Ökosteuern, Ökoaudit und ökologische Selbstverpflichtungserklärungen der Firmen. All diese Instrumente stärkten die Rolle des Marktes, der Unternehmen und des Geldes. Gleichzeitig sanken die Mitbestimmungsmöglichkeiten der betroffenen BürgerInnen.

Marco Vanek